Schrottsammler

Meine Geschichte Schrottsammler konnte beim Schreib-Wettbewerb des Vereins zur Förderung der Raumfahrt 2015 den 2. Platz erringen und wurde deshalb im Jahrbuch Space 2016 abgedruckt.




Hier eine kleine Leseprobe:

Schrottsammler

    „Das ist aber ein gewaltiges Ding.“ Zenon pfiff anerkennend durch die Zähne.
    „Können wir es aufnehmen?“, fragte der Captain skeptisch. Er hielt sich mit beiden Händen an den Griffen neben dem Fenster fest und stierte angespannt hinaus. Der Rest seines Körpers schwebte schwerelos mitten im Kommandomodul der Debris Trap One. Es war nicht mehr nötig die Augen auf den Bildschirm zu richten, denn der Schrotthaufen, der einst ein Umweltsatellit namens Envisat war, konnte nun mit bloßem Auge von dem Müllsammelschiff aus betrachtet werden. Was die fünf Augenpaare der Besatzung nun auch taten.
    „Ich denke schon, Alexander. Ich gleiche unsere Geschwindigkeit dem toten Satelliten an, dann packen wir ihn mit dem Greifarm.“ Die Stimme des Navigators klang mechanisch, wie die eines Roboters. Nach seiner kurzen menschlichen Gefühlsregung – dem Pfiff – verfiel er eilig wieder in Konzentration.
    „Jetzt alles aufgepasst! Jeder auf seinen Posten“, appellierte Captain Alexander an seine Crew. „Ein falscher Handgriff und wir werden mit diesem mächtigen Stück Weltraumschrott kollidieren. Dann wäre nicht nur unser kleines Müllsammelschiff zerstört, sondern unsere Firma und sogar unser Leben wären sofort ausgelöscht.“
    „Das wäre in der Tat ein Verlust“, grinste Helmer, während er in seinen Außenbordanzug schlüpfte. „Die Presse hätte erneut etwas zu berichten. Denn eine Katastrophen eines Privatunternehmens ist für die doch ein gefundenes Fressen.“
    Anette lachte. „Besonders jedoch würden sich die dominierenden Weltraumorganisationen wie NASA, ESA, JAXA und Co insgeheim die Hände reiben, wenn wir den Abgang machen würden. Wir kleinen privaten Raumfahrtunternehmen sind denen doch ein Dorn im Auge. Schließlich buhlen wir gemeinsam um die Fördergelder.“ Auch sie schlüpfte in ihren Anzug, um Helmer beim Einfangen des guten Stücks zur Hand zu gehen.
    Nadine saß an der Kontrollkonsole des Greifarms. „So, Leute. Jetzt Konzentration. Denkt nicht an die mögliche Katastrophe, sondern an die fette Knete, die die verwertbaren Rohstoffe einbringen. Schon allein der Anteil an Magnesium-Beryllium-Legierungen bringt uns mehrere Monatsgehälter.“
    „Yippii!“, jubelte Helmer.  Er öffnete den Schott zum Ausstiegsmodul. Als Anette ebenfalls hindurch geschwebt war, schloss er ihn wieder. Nadine beobachtete über das Monitorsystem, wie die Beiden in die offene Ladeluke hinaus glitten. Dann begann sie den Greifarm in Bewegung zu setzen. Zenon steuerte das Müllsammelschiff wie in Zeitlupe dem gewaltigen ausgedienten Satelliten entgegen.
    „Aufgepasst, da draußen!“ Der Greifarm schwenkte aus. Zielsicher dockte Nadine ihn an dem Schrottobjekt an. Helmer und Anette steuerten mit ihren Jetbags darauf zu. Mit geübten Handgriffen sicherten sie den Greifarm am nun gefangenen Satelliten.
    „Geschafft“, triumphierte Helmer. „Diese Beute ist uns sicher.“

    Im gleichen Moment schwirrte eine Wolke nur wenige Zentimeter großer Objekte an dem Raumschiff vorbei. In Bruchteilen von Sekunden hatten sie Helmers Anzug durchschlagen und wichtige Elemente des Greifarms zerstört. Helmer hatte keine Zeit mehr zu schreien, denn das Vakuum saugte unbarmherzig die Luft aus seinem Anzug und dem Helm und ersetzte sie durch das tödlich kalte Vakuums des Weltalls. Auch der Satellit wurde getroffen und trotz seiner Größe, von den Trümmerteilchen und dem außer Kontrolle geradenen Greifarm, in eine bedrohliche Drehbewegung versetzt. Diese zog das Müllschiff mit sich. Es befand sich nun in einer instabilen Rotationsbewegung um den Satelliten. Anette begann zu schreien, während sie sich am Greifarm festklammerte und hilflos Helmers bewegungslos davon treibendem Körper hinterher stierte.
...

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